Ein fiktiver Brief von Werner von Siemens an die heutige Unternehmensleitung

Beitrag von Annegrit Seyerlein-Klug


Annegrit Seyerlein-Klug hat in ihrem Beitrag Zitate aus bestehenden Briefen von Werner von Siemens verwendet.

Objekt 71

Berlin, 6.1.2007 (1847)


du hast deinen Brief zum Jahresbeginn mit dem Zitat von Charles Dickens begonnen - „es war die Beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten“. Ich kann dir nur beipflichten und bin sehr betrübt, dass es so viele Schwierigkeiten gibt. Das war in unserer Firmengeschichte schon sehr oft so, es gab noch viel bessere, aber auch noch viel schlimmere Zeiten. Denke nur gleich am Anfang an unsere Erfolge mit der Telegraphenlinie von Berlin nach Frankfurt: Es war vieles technisch nicht so komplett, wir hatten Schwierigkeiten, die Schutzhülle der unterirdisch verlegten Leitungen wurde wegen der Kostspieligkeit nicht genehmigt, der Technik stellten sich Schwierigkeiten entgegen. Trotzdem haben wir die Verhältnisse weiterentwickelt. Auf viel Geld zu verdienen muss es nicht nur ankommen, sondern ein festes Fundament für die Zukunft zu legen.

„Ich war nämlich ziemlich entschlossen… Die Telegraphie wird eine wichtige Branche der wissenschaftlichen Technik werden und ich fühlte mich berufen, organisierend in ihr aufzutreten.“
Auch mit Geldproblemen habe ich immer gekämpft, wie du weißt, und - ich habe zusammen mit meinen Vertrauten immer eine Lösung gefunden.

Insbesondere möchte ich dir meine Gedanken zur Aktionärsversammlung zukommen lassen.
Die Versammlungen sind sehr reichlich besucht, und jedenfalls lassen sich die Aktionäre durch einen oder mehrere Bevollmächtigte vertreten, und die Versammlung ist recht unbequem. Ihre schlechte Stimmung ist außer durch niedrige Zinsen namentlich dadurch hervorgebracht, dass nicht regelmäßig und vertrauenswürdig über Einnahmen und den Stand der Sache berichtet wurde. Dies wird wohl hauptsächlich Bummelei sein - da die erhitzte Stimmung gegen das Unternehmen nun mal da ist, muss sie berücksichtigt und möglichst beseitigt werden.
Solcherlei Unregelmäßigkeiten schaden dem von uns aufgebauten Vertrauen unserer „Familie“ (Siemens und seiner Mitarbeiter!) und den Kunden, wiewohl ich weiß, dass Geschäfte in manchen Gegenden dieser Welt nur auf für unsere Geschäfte ungewöhnlichen Wegen abgeschlossen werden.

Sehr freue ich mich über die fleißigen Menschen, die gemeinsam ihr Verständnis von unserer Firma aufgeschrieben haben, ich kann mich ihnen hier nur anschließen.
Mir gefällt besonders, dass die Vision mit den Mitarbeitern beginnt:
“Mir würde das verdiente Geld wie glühendes Eisen in der Hand brennen, wenn ich treuen Gehilfen nicht den erwarteten Anteil gäbe. Es wäre auch nicht klug von uns, sie leer ausgehen zu lassen im Augenblick großer neuer Unternehmungen.„

Traurig bin ich über deine Entscheidung, dich von der Telegraphie - heute bei euch wohl Telekommunikation genannt - zu trennen.

Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich die technische Entwicklung stark verfolgt habe und beeindruckt davon bin, was in heutiger Zeit daraus geworden ist und was noch kommen wird. Umso mehr habe ich großen Verdruss zu sehen, was nun daraus geworden ist.

Ich war immer ein Erfinder und Unternehmer mit Leidenschaft. Mein erstes Unternehmen wurde bei der Erfassung noch unter “mechanische Künstler und Handwerker„ aufgenommen. Ja, ich wünsche mir, es sollte wieder mehr “Ingenieurskunst„ geben, dann kommt die Rendite - und die Menschen haben etwas zu arbeiten.
“Mir war in meinen jungen Jahren der Gedanke besonders drückend, dass ich soviel Not und Sorge zu Hause sah und doch nicht helfen konnte, sie zu mildern und so wenig Aussicht hatte, dies später tun zu können. Freilich lag darin auch ein großer Sporn für mich, tüchtig zu arbeiten.„
Ich habe noch immer gefunden, dass man mit Ideen, colossalen Verbesserungen und Fabrikation für die Menschen auf Dauer gewiss ein nützliches Resultat erreichen würde.

Ich danke dir für die guten Seiten und bitte dich, dir von Herzen noch einmal gründlich zu überlegen, ob es sich lohnt, für kurzfristige Renditen einen Teil der Zukunft zu opfern.