Was Siemens einem so mitgibt ...

Beitrag von Raymond Lenz

Objekt 62

Was Siemens einem so mitgibt…

30 Jahre ist das her. Man war frisch gebackener Abiturient und wollte studieren: Nachrichtentechnik an der Technischen Fachhochschule in Berlin. 11 Monate Fachhochschulpraktikum in einem elektrotechnischen Betrieb - das war die Bedingung zum Einstieg in das praxisbezogene Studium.

Das Ausbildungsprogramm
Ich absolvierte die Zeit bei Siemens in Berlin. Die ZGA, Zentrale Gewerbliche Ausbildung, war für uns Praktikanten zuständig.

„32 Tage Grundausbildung am Schraubstock einschließlich Anreißen und Messen, 30 Tage Ausbildung an Dreh-, Fräs- und Schleif- und Stoßmaschinen, vier Tage Fachlehrgang: Mechanisches Messen, 17 Tage Fachlehrgang: Kabelformen, Justieren, Löten...“ (Auszug aus dem Praktikanten-Zeugnis) und weitere 110 Tage Mitarbeit in Fertigungsstätten der diversen Abteilungen - das war das Programm für eine Zeit, die mich nachhaltig beeindruckte.

Erste Erkenntnisse
„Jetzt werdet ihr einmal lernen, wie viel ein Millimeter ist“, so sprach ein Ausbilder der ZGA zu Beginn der Grundausbildung am Schraubstock. Mit Feilen sollten wir ein Werkstück im U-Profil aus Stahl bearbeiten. Das Abtragen von nur einem Millimeter auf einer Fläche von etwa 25 cm² war ein hartes Stück Arbeit. Feilen haben einen Hieb. „Der Hieb einer Feile ist der Sammelbegriff für Größe, Anzahl und Anordnung der meißelartigen Schneiden“, heißt es in einem Unterweisungsblatt von damals. Die Grundausbildung begann mit dem Erlernen aller grundlegenden manuellen und maschinellen Formen der spanabhebenden Bearbeitung.

Was war man doch naiv. Man hatte das Abitur in der Tasche und dachte, jetzt habe man alles im Griff. Man war ja wer! Doch ich musste erkennen: Ich hatte anfangs noch nicht einmal eine Ahnung, wie man metallische Werkstoffe bearbeiten kann. Das war eines von vielen Aha-Erlebnissen in der Praktikantenzeit, die ich nicht missen möchte.

Hierarchie
Die ZGA nahm ihre Aufgabe sehr ernst. Die Ausbildung bei Siemens genoss ein hohes Ansehen - und das wurde gepflegt. Die Ausbildung von Fachhochschulpraktikanten erfolgte im Zusammenwirken der ZGA und der Technischen Fachhochschule (TFH). Sie war gut organisiert, durchzogen von regelmäßigen Seminaren an der TFH, und mit einem genauen Plan der zu absolvierenden Lehren im Betrieb versehen.

Wir mussten uns erst einmal Kittel besorgen. Anders als die gewerblichen Auszubildenden bekamen wir die Kittel nicht von Siemens gestellt, sondern mussten uns diese selbst besorgen. Dabei war unbedingt auf die Farbe des Kittels zu achten. Weiß war den Ausbildern und Ingenieuren vorbehalten, grau trugen die gewerblichen Auszubildenden. Wir mussten blau tragen. Hierarchien wurden gepflegt.

Wir erhielten ausreichend Gelegenheit, unsere Einordnung in die Hierarchie zu lernen. Während der Grundausbildung in der Werkstatt hatten wir zu lernen, dass wir dankbar für die Ausbildung sein sollten. Man müsse nicht jeden Praktikanten aufnehmen. In den Fertigungsstätten wurden wir eher ambivalent behandelt. Wir verblieben ja nur kurze Zeit in den jeweiligen Abteilungen, weswegen man nicht so recht wusste, wie man uns zu begegnen hatte. Die angehenden Studenten hatten nicht nur selbst ihre Zweifel, wo sie in der betrieblichen Praxis einzuordnen wären.

Im Betrieb
Auch wenn ich immer nur für zehn bis zwanzig Tage in einer der Fertigungsstätten war, so war die betriebliche Praxis eine wertvolle Zeit für mich.

Zum Beispiel die zehn Tage, die ich in der Stanzerei verbrachte - ich habe die Bilder noch heute in meinem Kopf: Den ganzen Tag über rhythmischer Lärm. Menschen, oft Frauen, die die teils riesigen Maschinen bedienten: Das Werkstück einlegen, beide Hände bedienen gleichzeitig jeweils einen Knopf, worauf die Stanze mit eindrucksvollem Geräusch in Bewegung gesetzt wird, das Werkstück herausnehmen, ein neues Werkstück einlegen, beide Hände bedienen gleichzeitig jeweils einen Knopf, worauf die Stanze…

Da war eine Frau, die an einer vegetativen Dystonie litt - ein Begriff, der sich mir erst nach meiner Forschung um das Symptom dieser Frau erschloss. Sie bewegte fortwährend ihre Zunge gegen die Innenseite ihrer Wange. Ich führte das auf die psychischen Belastungen der Arbeit an der Stanze zurück. Das war zwar laienhaft beurteilt, regte aber mein Denken über das Wesen des Menschen in der Arbeitswelt an.

Berichtsheftkontrolle
Selbstverständlich hatten wir ein Berichtsheft zu führen. Wöchentlich war ein von Hand in Normschrift geschriebener Bericht der täglichen Tätigkeiten anzufertigen. Dazu gehörte stets eine Abhandlung über ein gerade in der Ausbildung aktuelles technisches Thema oder das Erstellen einer technischen Zeichnung. Das Berichtsheft wurde kontrolliert.

Es kam schon einmal vor, dass der Leiter der ZGA in die Werkstatt kam und eine auf Pergamentpapier gefasste technische Zeichnung in der Hand haltend auf den Praktikanten zuging. Irgendetwas war daran wohl nicht in Ordnung. - obgleich ich noch heute versichern möchte, dass wir alle stets bemüht waren, den hohen Ansprüchen an die Ausfertigung einer technischen Zeichnung gerecht zu werden. Der Ausbildungsleiter machte meinen armen zukünftigen Kommilitonen „rund“. „Wissen Sie, was man mit diesem Papier nur noch machen kann?“, fragte er, und nahm einen Schraubenschlüssel in die Hand, schlug ihn in das Pergamentpapier und wickelte den Schraubenschlüssel darin ein. „Als Butterbrotpapier können Sie das noch verwenden!“, sprach's und reichte dem Praktikanten seine derartig modifizierte Arbeit zurück.

Bei der Berichtsheftkontrolle wurde nicht nur Wert auf den Inhalt, sondern auch auf die Form gelegt, woran es immer irgendetwas zu monieren gab. Der Ausbildungsleiter ließ sich angesichts der vielen erforderlichen Anmerkungen, die er natürlich in rot in die Berichte zu notieren pflegte, eine Vereinfachung einfallen: Er ließ sich Stempel anfertigen. Und so erhielten unsere Berichte gelegentlich mal ein „fff“ für ganz besonders grobe Fehler gestempelt. Auch ein gestempeltes „aber, aber“ lässt sich in meinem Berichtsheft finden.

Der Lohn der Arbeit
Die Werkstücke, die wir während der Grundausbildung bearbeiteten, waren Teile und Komponenten eines Stromversorgungsgeräts. Jeder Praktikant baute schließlich mit all seinen selbst bearbeiteten Teilen das Gerät „N 2002“ zusammen: ein Gerät, das bei seiner Herstellung eine große Bandbreite der Fertigungstechnik abdeckte - der Lohn der Arbeit und Ausdruck einer wohlstrukturierten Praktikantenausbildung bei der damaligen ZGA.

Ich habe das Gerät noch heute bei meinen gelegentlichen heimischen Basteleien in Gebrauch. Im Keller sind zudem noch ein paar weitere Zeitzeugen gelagert: Werkstücke, eingepackt in eine Schachtel, die ich von einer damaligen Freundin aus Marburg erhielt, das Berichtsheft und der Kittel.


Nach dem Studium habe ich meinen beruflichen Weg in einem anderen Berliner Unternehmen der Telekommunikationsbranche begonnen. Nach vielen Jahren führte mich der Weg aber wieder zu Siemens. Heute arbeite ich dort im Bereich Transportation Systems. Was ich bei Siemens vor 30 Jahren gelernt habe brauche ich heute praktisch nicht mehr. Aber ich brauche es trotzdem…